Günter Eich. Rozhlasová hra. Režie Norbert Schaeffer.
Natočeno 1992.
Pozn.: Bei einem Gartenfest des bolivianischen Konsulats in Paris treffen zwei junge Männer mit unterschiedlichen Lebenshaltungen aufeinander: der als Nachtkellner arbeitende Journalist Valera und der Student Manuel, Sohn des Zinnmagnaten Rubio, in dessen Bergwerken im Laufe der Jahre 50.000 ausgebeutete Indios zu Tode kamen. Der eine ist Sozialrevolutionär, der andere Kapitalist. Der eine erweist sich als korrumpierbar, im anderen erwacht das soziale Gewissen. So wird ihre Zuordnung immer fraglicher, bis schließlich sogar ein Rollentausch zwischen den beiden stattfindet.
Bei der Recherche für die „Gesammelten Werke“ (1991) von Günter Eich fand sich ein bislang verschollen geglaubtes Typoskript aus dem Jahre 1951 wieder, das unter dem Titel „Bolivianische Ballade“ die Ausbeutung der Indios und zugleich das Motiv des Identitätstausches behandelt. Eich hat das Stück fallengelassen und in der Folgezeit zwei Hörspiele aus der fragmentarischen Anlage entwickelt: zunächst das mit dem Kriegsblindenpreis ausgezeichnete Stück „Die Andere und ich“ (1952) und schließlich „Zinngeschrei“ (1955).
Lit.: anonym: Zinngeschrei. In web Wikipedia, b. d. (encyklopedické heslo). – Cit.: Zinngeschrei ist ein Hörspiel von Günter Eich, das am 25. Dezember 1955 vom NWDR Hamburg unter der Regie von Gustav Burmester gesendet wurde. Am Anfang des Hörspiels wird zur Worterklärung von Zinngeschrei der entsprechende Passus aus Meyers Konversations-Lexikon zitiert.
Ort der Handlung ist Paris. Der 26-jährige bolivianische Journalist Nicolas Valera, Wortführer einen revolutionären Gruppe, hat nach beendetem Studium bei der Humanité gearbeitet, die Stellung verloren und überlebt in einer Bar als Nachtkellner. Als er unverhofft zu einem Gartenfest des bolivianischen Konsulats eingeladen wird, sagt er auf dieser Party dem jungen Manuel Rubio die Meinung: Manuels Vater, Besitzer von siebzehn Kupfer-, Zinn- und Wismut-Minen, sei ein Ausbeuter, der das Leben von mehreren Tausend Indios auf dem Gewissen habe. Manuel, der die Ehre der Familie verteidigen möchte, will sich duellieren. Valera ist mit dem Waffengang einverstanden.
Herr Rubio senior, der von London aus sein Zinn-Imperium dirigiert, hat seine Späher überall; auch in Paris. Der alte Herr schickt seinen Sekretär Calvo in die Metropole an der Seine. Calvo hintertreibt und verhindert das Duell. Valera nimmt seine Zusage schriftlich zurück. Manuels Mutter reist – sozusagen als Touristin – von London aus in Paris an. Manuel befragt die Mutter nach den Machenschaften des Vaters. Der Vater – so Frau Rubio – habe am Tode der Indios keine Schuld. Die Mutter weiß viel über die gemeinsame Heimat Bolivien und den Familienbesitz dort, aber ihre Antworten geben dem Frager nichts Neues. Manuel erkennt, der Vater herrscht allein. Er und die Mutter sind die Marionetten des Herrschers.
Manuel denkt nach. Sein Großvater war es, der dem Vater die Minen vererbte. Manuel als einziger Sohn wird seinerseits erben.
Der junge Rubio sagt sich von der Familie los, verzichtet auf das Erbe und legt seinen Namen ab. Der ehemalige Millionär steht als Camille Dubois mittellos da und erwägt als Erwerbsquelle eine Beschäftigung bei der Pariser Stadtreinigung.
Valera erweist sich als bestechlich. Für ein fürstliches Honorar lässt er sich von Sekretär Calvo zu einer Lobhudelei – Denkschrift zum Jubiläum genannt – auf das Lebenswerk des großen Herrn Rubio senior überreden und nimmt bei seinem neuen Herrn ein Anstellung in London an.
Valera ist kein Unmensch. Er verschafft Manuel den vakanten Posten als Nachtkellner. Der Wirt ist erfreut. Das trifft sich gut. Sucht er doch einen Spanisch sprechenden Nachfolger für Valera. (…)